Generationen-Talk im Alten Schulhaus: Wenn Geschichte Familiensache wird
Zusammen durchforsten sie die Vergangenheit – inmitten von prall gefüllten Ordnern und historischen Schätzen: Ohne Filter, mit maximalem Durchblick und absolut zukunftstauglich schlagen sie die Brücke von gestern nach übermorgen: lebendig, neugierig und kein bisschen verstaubt.
Heute ist die Reihe „Die Dorfmacher“ anlässlich des 1250-jährigen Jubiläums von Erling-Andechs zu Besuch bei den beiden.
Führungen, Klostermauern und Kinderaugen
Herr Strauß, welches ist Ihr absolutes Lieblingsprojekt im 1250-jährigen Festprogramm?
Karl Strauß: „Da fällt mir die Auswahl echt schwer. Ich freue mich auf die
ganzen Ausstellungen und Führungen aller Arbeitsgruppen, die so viel
organisieren wie die Kirchenführungen in St. Vitus oder im Kloster Andechs mit ganz neuen Perspektiven, den Zeitstrahl, die Führung über den Wittelsbacher Friedhof oder die besondere Dorfführung für Kinder und Familien. Ach, wissen Sie: Eigentlich sind es alles meine Lieblingsprojekte.“
Und bei Dir, Felix?
Felix Menge: „Also mein Hauptteil besteht ja momentan noch darin, die ganzen Ordner für Dich hin- und herzutragen (lacht). Was machst Du eigentlich alles damit, Opa?“
Herr Strauß, wie bereitet man denn im digitalen Zeitalter ein Jubiläum von
1250 Jahren Erling-Andechs vor?
Karl Strauß (schmunzelt): „Du weißt ja, Felix, ich liebe es, alle Ereignisse
rund um Erling-Andechs noch ganz traditionell aus der Zeitung auszuschneiden.
In der Vorbereitung auf das große Jubiläum im Juli kommen gerade viele
Anfragen bei mir herein. Das Archivieren hilft mir jetzt, alle Informationen
zusammenzutragen, die für das Fest benötigt werden – etwas davon ist ja auch in
unsere frisch gedruckte, 124-seitige Festschrift geflossen!"
„Wenn es geschrieben ist, Schwarz auf Weiß, ist es geschrieben.“ - Karl Strauß
"Zudem bereite ich gerade die Ausstellung '1250 Jahre Erling – die letzten 50
Jahre' mit vor. Da können die Besucher auf 25 Plakaten in Zeitungsausschnitten
von damals nachlesen, was passiert ist. Gerade die Älteren lieben es, die Artikel
noch gedruckt zu sehen oder gar anzufassen.“
„Mit seiner Begeisterung für die Geschichte hat er zuerst den Onkel angesteckt
und dann mich.“ – Felix Menge
Mit dem Fahrrad durch die Geschichte: Ein Blumentopf wird zum
Römertopf
Felix, Dein Opa ist 1. Vorstand beim Heimatverein: Wie wird für Dich die
Vergangenheit lebendig? Was interessiert Dich an Geschichte am meisten?
Felix Menge: „Geschichte ist für mich dank Dir, Opa, kein verstaubtes
Schulbuch, sondern erlebte Geschichte. Zuerst hast du ja den Onkel angesteckt –
der hat wegen dir dann sogar Geschichte studiert– und schließlich mich!
Ritter und Burgen waren für mich schon immer das Größte. Der Opa hat schon
so viele Radausflüge mit mir gemacht, und dabei bleiben wir immer stehen und
er erzählt mir, was dort passiert ist.
Unvergessen ist für mich der Ausflug zur alten Andechser Burg, den Du mit mir
und meiner Schulklasse gemacht hast, als wir selbst erleben durften, wie man
sich als Ritter gefühlt hat.“
Karl Strauß (lacht): „Ich habe vorher extra einen alten Blumentopf zerhauen,
um für euch Kinder dort oben 'echte Römerscherben' zu verstecken, die ihr dann
suchen konntet.“
Felix Menge: „Das Größte war es auch, wenn wir beide zusammen Ausflüge
gemacht haben, dass es dann immer noch Spezi und Pommes gab!“
„Heimat und ihre Geschichte sind für mich einfach eine Herzenssache.“
- Karl Strauß
Der Funke der Geschichte: Ein Lehrer, der Spuren hinterließ
Herr Strauß, seit der ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 776 hat sich
in Erling viel verändert. Woher kommt Ihre ganz persönliche Liebe zur
Geschichte?
Ein hochgeschätzter Schulleiter und die historische Wahrheitsfindung
Karl Strauß: „Für mich war mein eigener Lehrer prägend: Ludwig Prockl, der
von den 1950er- bis in die 1970er-Jahre hier in Erling ein sehr verdienter
Schulleiter war. Er hat sogar meine Begeisterung dafür geweckt, die historischen
Tatsachen im Bayerischen Hauptstaatsarchiv und in der Bayerischen
Staatsbibliothek in München immer wieder zu überprüfen – ob das auch so
stimmt, was man da so alles erzählt. Die Gemeinde hat später sogar eine Straße
nach ihm benannt: den Ludwig-Prockl-Weg.
Ein engagierter Allrounder für Erling
"Er war eben ein vielseitig engagierter Mensch und schrieb damals sogar ein
eigenes Glockengedicht, als die neuen Kirchenglocken nach dem Weltkrieg
endlich nach St. Vitus zurückkehrten. Mehr zu dieser bewegenden Geschichte
und zu Prockls Person kann man übrigens in der Fotoausstellung in St. Vitus am
Jubiläumswochenende erfahren. Ganz wichtig war damals die mündliche Überlieferung.
Auch er hat schon mit uns Schülern historische Wanderungen gemacht. über Ritter und
Burgen erzählt und die Geschichte von Erling in uns wachgehalten.“
„In Erling habe ich alles, was ich brauche.“ - Felix Menge, 16 Jahre alt
Felix' Heimatliebe
Wenn Erling in 50 Jahren das 1300-jährige Jubiläum feiert – was denkst
Du, Felix: Wie sieht das Dorf dann aus und welche Rolle spielt der
Heimatverein?
Felix Menge: „Ich denke, der Ort wird im Vergleich zu heute riesig werden mit
den ganzen Neubaugebieten, aber ich hoffe, dass man darauf achtet, dass Erling
mit seiner Natur und der Wahrung der alten Dorfstruktur so schön bleibt, wie es
ist. „
„Denn Erling ist meine Heimat, und hier möchte ich nicht weg.“ - Felix Menge
Ich hoffe natürlich, dass es den Heimatverein dann noch gibt. Das Wissen vom
Opa und all den anderen wird bis dahin auf jeden Fall sorgfältig in einer Cloud
oder auf einem Server archiviert sein. Ich könnte mir schon vorstellen, das eines
Tages zu übernehmen.“
Herr Strauß, Sie beschäftigen sich viel mit dem, was gewesen ist. Was
haben Sie von Ihrem Enkel gelernt, seit er Ihnen aktiv im Verein hilft?
Karl Strauß: „Der Felix war von Anfang an mit Feuereifer dabei, mit mir in der
Geschichte zu kramen – nicht nur beim erwähnten Ordnerschleppen (lacht). Er
hat eine ganz andere Sicht auf die Dinge als ich. Allein durch die Fragen, die er
stellt, vermittelt er mir oft völlig neue Blickwinkel.“
Der Heimatverein hütet im Obergeschoss der Alten Schule über 1.000
geschichtliche Bücher und Schätze. Welches Exponat hat Euch beim
gemeinsamen Stöbern bisher am meisten fasziniert?
Karl Strauß: „Bei mir waren es die Urkatasterkarten von 1810. Diese Karten
von der Umgebung Erlings sind unheimlich spannend. Sie enthalten die
Hausnamen in Erling und wer welches Grundstück besaß.“
Felix Menge: „Und bei mir war es eindeutig die Hellebarde! Das sind mächtige,
mittelalterliche Stangenwaffen, die früher ab dem 14. Jahrhundert vor allem von
Fußsoldaten eingesetzt wurde. Die finde ich nach wie vor klasse. Das Teil hat
einfach den meisten Charakter. Wenn ein Ausstellungsstück im Raum sofort
Respekt ausstrahlt, dann dieses Stück.“
Von der Hellebarde zu den Häusern in Erling: Träger der Geschichte
Was sind für Sie persönlich so ein paar Meilensteine des Heimatvereins?
Karl Strauß: „Oh, da gibt es so viele! Der Besuch eines Weinguts in Südtirol
zum Beispiel. Die Grafen von Andechs besaßen damals ja wichtige Güter,
Festungen und Weinberge in Südtirol, besonders in der Gegend um Bozen.
Unvergesslich bleibt auch die Geschichte, als dort ein historisches Gnadenbild
aus Andechs aus einer Kapelle gestohlen wurde und wir es von einem
Holzschnitzer nacharbeiten ließen, um die Erinnerung zu bewahren.
Ein Mammutprojekt: Den historischen Hausnamen auf der Spur
"Ein echtes Mammutprojekt startete anlässlich unseres 40-jährigen Jubiläums im
Jahr 2019 mit Unterstützung der damaligen Bürgermeisterin Anna Neppel.
Durch umfangreiche Recherchen in alten Kirchenbüchern, Pfarrboten und
historischen Belegen haben wir Wissenswertes über die lokalen Häuser
zusammengetragen. Im Mittelpunkt standen die historischen Hausnamen. Die
umfassende Geschichte der Gebäude dokumentierten wir gleich mit – diese
Ergebnisse kann man heute, versehen mit der jeweiligen Jahreszahl, auf den
Schildern an den Häusern überall in Erling sehen.“
Wo ist euer jeweiliger Lieblingsplatz in Erling?
Karl Strauß: „Mein absoluter Lieblingsplatz ist die Alte Schule hier beim
Heimatverein. Wenn ich zwischen den historischen Dokumenten sitze, das
Fenster öffne und den Blick auf Erling genieße, verbindet sich für mich die
Vergangenheit direkt mit der Gegenwart.“
Felix Menge: „Für mich ist es der Aussichtspunkt an der alten Burg Andechs.
Dort ist noch ein kleiner Teil der Mauer erhalten. Und die Geschichte mit den
gefälschten Römerscherben aus dem alten Blumentopf macht den Ort für mich
einfach unvergesslich.“
Der digitale Sprung für den Heimatverein
Wie fühlt es sich für Sie an, Herr Strauß, wenn Sie die ersten alten
Archivbilder heute digitalisiert sehen?
Karl Strauß: „Das ist schon ein interessanter Kontrast. Wenn man so alte
Bilder und Texte in die Hand nimmt, hat das eine Dreidimensionalität. Man
fühlt das Papier, man riecht es, und die Menschen schauen einen oft ganz direkt
an – sie mussten damals ja sehr lange stillhalten, bis ein Foto im Kasten war.
Das hat einen ganz besonderen Reiz und fühlt sich irgendwie echter an.
Gleichzeitig hat die Digitalisierung natürlich enorme praktische Vorteile: Es ist
viel einfacher zu recherchieren und alles ist unkompliziert speicherbar. Deshalb
ist das auch für den Heimatverein ein wichtiges Thema.“
„Ich möchte, dass die Kinder von heute und morgen ein gutes Leben haben.“
- Karl Strauß
Welche Tradition oder welchen Wert sollte die Jugend Ihrer Meinung nach
unbedingt bewahren?
Karl Strauß: „Das Miteinander. Das Sich-umeinander-Kümmern, auch um die
Nachbarn, und dass man gemeinsam etwas auf die Beine stellt.“
Felix Menge: „Ich finde es schön, wenn die Familie immer wieder
zusammenkommt und man am Wochenende gemeinsame Ausflüge macht. Ich
wünsche mir sehr, dass das so bleibt. Genau dieses Gefühl von Ruhe und
Vertrautheit macht Erling für mich zu meinem Zuhause.“
„Mich interessiert vor allem der Kontrast: Wie war das Leben früher in Erling?
Wie haben Jugendliche früher hier gelebt, ganz ohne Tech und Smartphones?“
- Felix Menge
Der Wunsch nach der Zeitreise
Felix, wenn du für 24 Stunden in diesen 1250 Jahren in ein bestimmtes
Erlinger Jahrhundert zurückreisen könntest – welches wäre das?
Felix Menge: „Das 12. oder 13. Jahrhundert! Ich interessiere mich wahnsinnig
für das Mittelalter. Ich würde durch das Dorf gehen und mir genau anschauen,
wie die Leute damals hier gelebt haben. Mal einen Tag mit ihnen verbringen:
Was haben sie gegessen? Wie war die Arbeit? Wovon haben sie geträumt? Das
live zu erleben, wäre extrem cool.“
Und Sie, Herr Strauß? In welche Epoche reisen Sie?
Karl Strauß (lächelt verschmitzt und antwortet ganz spontan): „Ich würde
unglaublich gern das Ende der 1960er- und den Anfang der 1970er-Jahre noch
einmal erleben. Alles fühlte sich damals irgendwie leichter an. Wir hatten
weniger Sorgen als heute, fuhren zu Konzerten der Rolling Stones und der
Beach Boys, und im Münchner Stadtteil Schwabing war eine Menge los. Diese
unbeschwerte Zeit würde ich gern noch einmal für einen Tag erleben“
„Wir schreiben die Geschichte selbst fort.“ - Karl Strauß
Was wünschen Sie sich, was vom 1250-Jahresjubiläum am Ende bleibt?
Karl Strauß: „Dass wir uns bewusst sind, dass wir selbst ein Teil der
Geschichte sind – gerade durch die Vorbereitung dieses Jubiläums. Alles das,
was wir tun, ist schon selbst Geschichte. Wir schreiben sie damit fort.
Ganz persönlich wünsche ich mir einfach, dass es mit dem Heimatverein
erfolgreich weitergeht. Wir haben schon zwei junge Mitglieder, aber freuen uns
natürlich über mehr. Ich hoffe, dass alle Aktivitäten rund um die Geschichte von
Erling-Andechs ihre Neugier und ihr Interesse wecken. Denn es is so: Kloster,
Kiental, Dorfgeschichte? Geht ned ohne di weiter!“
Heike Wamser
Infobox: Über den Heimatverein Erling-Andechs e.V.
Lebendige Geschichte seit 1979: Seit über 45 Jahren bewahrt der Heimatverein
Erling-Andechs e.V. das historische Erbe der Gemeinde und verbindet Tradition
aktiv mit der Gegenwart. Die ehrenamtlichen Mitglieder pflegen das dörfliche
Kulturleben, sichern Dokumente und machen die Geschichte der Heimat für alle
Generationen greifbar.
Das Archiv: Heimat von über 1.000 historischen Büchern, Dokumenten und
geschichtsträchtigen Exponaten im Obergeschoss der Alten Schule.
Die Projekte: Von geschichtlichen Recherchen über die Erstellung der
historischen Hausnamenschilder im Dorf bis hin zur Organisation von
Ausstellungen, Vorträgen und Führungen.
Das Erbe: Aktive Sicherung von mündlichen Überlieferungen, historischen
Wahrzeichen und regionalen Anekdoten für die Zukunft.
Mitmachen erwünscht: Der Verein freut sich über jede Unterstützung – ob
durch geschichtliches Interesse, tatkräftige Hilfe bei Projekten oder neue, junge
Impulse im Vereinsleben.
Jetzt Mitglied werden & Geschichte mitschreiben:
https://www.heimatverein-erling-andechs.de/
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